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Patientin der Stiftung Bethel profitiert von robotikgestützter Therapie

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Hagen: Erste Frau mit erworbener Hirnschädigung im Haus Grünrockstraße

Auf die Reise mit der Freundin hatte sie sich so gefreut. Aber anstatt die „schönste Zeit“ im Jahr unbeschwert genießen zu können, erlitt Susanne Boestfleisch am Urlaubsort einen schweren Schlaganfall. Seitdem weiß ihr Gehirn nichts mehr von ihrer rechten Körperhälfte, und auch sprachlich ist sie stark eingeschränkt. Ein Jahr verbrachte die angesehene Mitarbeiterin einer Rechtsanwaltspraxis in einem Altenheim - meistens liegend im Bett -, bevor sie in die Betheler Einrichtung „Grünrockstraße“ in Hagen-Hohenlimburg kam. Hier legt man großen Wert darauf, die 49-jährige zu fördern, und arbeitet dafür auch mit dem AMBULANTICUM© in Herdecke zusammen. Mit Hilfe von Spenden konnte man ihr dort eine hochmoderne Therapie vermitteln.

Susanne Boestfleisch bleibt der „Therapietourismus“ erspart, den Dr. Bernd Krahl, Geschäftsführer des AMBULANTICUM©, auf sich nahm. Nach zwei Schlaganfällen war der Zahnarzt selbst ein Schwerstpflegefall mit der Dauerperspektive „ Bett und Rollstuhl“. Seine Frau gab sich damit aber nicht zufrieden, sondern reiste mit ihm durch Europa auf der Suche nach den neuesten Therapien. Wenn Dr. Krahl heute durch sein 2011 eröffnetes AMBULANTICUM© geht und mit Mitarbeitern und Patienten spricht, ist er das beste Beispiel dafür, was durch moderne Rehabilitation möglich ist. „Mit unserem ambulanten Zentrum wollen wir zeitgemäße Therapien für jeden zugänglich machen“, betont seine Frau Marion Schrimpf, ebenfalls Geschäftsführerin des AMBULANTICUM©.

Von ihrer Initiative profitiert jetzt Susanne Boestfleisch. Heute hat sie Karsten Raue, Bereichskoordinator des Hauses Grünrockstraße, in das rund 15 Kilometer entfernte Therapiezentrum gebracht. Oft übernimmt auch ihre Freundin diese Aufgabe. Dafür wurde sie in die Handhabung des Betheler Dienstwagens eingewiesen. Zwei Mal in der Woche übt Susanne Boestfleisch im AMBULANTICUM© am „Lokomaten“, einem robotergestützten Gangtrainer.

Mit ihrem Rollstuhl wird Susanne Boestfleisch auf das Laufband des Gerätes gefahren. Sporttherapeut Fabian Wegehaupt legt ihr ein Gurtsystem um, das an einer Aufhängung befestigt ist. Mit dessen Hilfe kann die Patientin nicht nur aus ihrem Rollstuhl in den Stand gehoben werden, sondern es lässt sich auch bestimmen, wie viel von ihrem Körpergewicht sie belasten soll. „35 Kilo reichen, sonst wird es zu anstrengend“, erläutert der Diplom-Sportwissenschaftler und stellt die Gewichtsentlastung entsprechend ein. Danach wird Susanne Boestfleisch an Hüft- und Kniegelenken mit Orthesen verbunden, die einen Motor und Sensoren haben. Die Orthesen – medizinische Hilfsmittel, die eingeschränkt funktionstüchtige Körperteile unterstützen - werden per Computer gesteuert. Mit Hilfe der High-Tech-Orthesen können jetzt die Beine bewegt werden; Susanne Boestfleisch beginnt zu laufen. Die hochempfindlichen Sensoren erfassen ihre Eigenaktivität, die mit bloßem Auge nicht zu erkennen wäre, und geben eine Rückmeldung (Biofeedback) an den Therapeuten. So kann dieser die Orthesen optimal steuern. Für jeden einzelnen Antrieb legt er die Anteile von Eigenaktivität und mechanischer Unterstützung fest, um den bestmöglichen Trainingseffekt zu erzielen. Für die Motivation der Patienten werden auch interaktive Computerprogramme eingesetzt – zum Beispiel mit einer Figur, die über eine Wiese geht und Tiere einsammelt. Die Figur kann Susanne Boestfleisch durch ihre Eigenaktivität selbst steuern.

„Frau Boestfleisch, noch fünf Minuten?“, ermuntert Fabian Wegehaupt seine
Patientin. Aber ein Blick in ihr Gesicht sagt ihm: Für heute reicht es. 33 Minuten
ist Susanne Boestfleisch gelaufen und gegangen, 721 Meter hat sie geschafft.
„In der Neurologie ist es wichtig, dass man etwas mit ganz vielen Wieder-
holungen beübt“, sagt der Sporttherapeut. „So besteht die Chance, dass
gesunde Gehirnareale lernen, die Funktionen geschädigter Bereiche zu
übernehmen.“ Susanne Boestfleisch hat schon Fortschritte gemacht:
Sie schafft es inzwischen, aufrecht zu stehen, die Computerfigur genauer
zu bewegen, und beim Aufstehen aus dem Rollstuhl kann sie bereits mithelfen.
„Ob es in kleinen oder großen Schritten vorangeht, das ist von Patient zu
Patient unterschiedlich“, hat Fabian Wegehaupt festgestellt. „Wir hatten
sogar schon einen Patienten, der nach zwei Intensivtherapien über je sechs
Wochen mit dem Rollator hier hinausgegangen ist. Vorher konnte er nicht
alleine sitzen!“

Dass Susanne Boestfleisch die Therapie machen kann, ist nicht selbstverständlich. Die Anwaltskanzlei hat dafür gespendet, ebenso ihre Freundin und deren Kollegen. Auch mit einem Spendenbetrag der Betheler Freunde und Förderer wurde die Maßnahme unterstützt. Jede „Partei“ brachte 2.000 Euro ein. Dr. Bernd Krahl und Marion Schrimpf kämpfen zurzeit bei den Kostenträgern darum, dass sie die Kosten robotikgestützter Therapien übernehmen. „Wenn diese in den Heilmittelkatalog aufgenommen würden, wäre das der Durchbruch für Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen“, sind sie überzeugt. Innovative Therapieformen bedeuteten eine Umsetzung der Erkenntnisse aus Forschung und Wissenschaft, aber durch den streng reglementierten Gesundheitsmarkt sei ihre Einführung nur schwer realisierbar. „Die neurologische Nachsorge in Deutschland könnte zeitgemäßer sein, wenn statt der Wirtschaftlichkeit der Patient in den Vordergrund gerückt würde. Und mittel- und langfristig können sogar Kosten gespart werden, wenn neurologische Patienten nicht auf Dauer Pflege benötigen.“ Erste Signale, die Kosten zu übernehmen, gibt es inzwischen von einer Krankenkasse.

Im Haus Grünrockstraße hofft man darauf, dass die speziellen Therapien bald für alle Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen zugänglich sind. In der Einrichtung leben 24 Menschen mit Behinderung; Susanne Boestfleisch ist die erste Bewohnerin mit einer erworbenen Hirnschädigung. Auch die nächsten fünf Plätze, die frei werden, sind für Menschen mit dieser Behinderung bestimmt. „Wir wollen mehr Betroffene aufnehmen, weil es in Hagen bisher kein Angebot für sie gibt und der Bedarf immens hoch ist“, informiert Bereichsleiterin Sabine Meyer. Oft werden Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen in Altenheimen betreut, weil Alternativen fehlen. Dort ist man aber nicht auf ihren speziellen Hilfebedarf eingerichtet. Auch Susanne Boestfleisch habe im Altenheim nur wenig Förderung erhalten, bedauert Sabine Meyer. Jetzt aber bemerke man bereits kleine Verbesserungen. Darum halten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Grünrockstraße auch Augen und Ohren auf, wenn sie Susanne Boestfleisch ins AMBULANTICUM© begleiten. Karsten Raue hat festgestellt: „Dort bekommt man gute Tipps für den Alltag in unserer Einrichtung.“ Und die setzen die Mitarbeitenden gerne um, denn sie wissen, dass Susanne Boestfleisch möglichst alles wieder können will, was sie verloren hat.

- Petra Wilkening –

Quelle: DER RING
Fotos: Elbracht